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Zufall und Notwendigkeit

Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will. (Albert Schweitzer)

Was ist eigentlich Zufall? Immer wieder begegnete uns bei der Behandlung des Themas dieses Wort, das scheinbar alles erklärt aber uns nicht wirklich weiter hilft. Fast scheint es so, als benützten wir eine Variable, um das Wort 'Gott' nicht in den den Mund nehmen zu müssen. Doch bedeutet Zufall nur einen absichtslosen Prozess, der ohne alle Notwendigkeit irgend ewtas hervorbringt, was vollkommen willkürlich auch hätte ganz anders sein können, wie Atkins es in seiner Beschreibung des Anfangs sagt: „Die zufällige Formation von Punkten bildeten den völlig ungeplanten, absichtslosen Prozeß, der sie entstehen ließ. Gegensätze von extremer Einfachheit kamen aus dem Nichts hervor.“ Übrigens findet sich das Wörtchen Zufall und Ableitungen davon sechs mal auf dieser ersten Seite, die die 'Schöpfung ohne Schöpfer' erklären möchte. Doch heißt der Schöpfer nun ZUFALL, wie er auch bei Darwins Evolutionstheorie bemüht wird und von Neodarwinisen eisern verteidigt wird. Sind wir also nur zufällig auf dieser Welt und könnte diese Welt zufällig auch ganz anders aussehen. Welche weltanschauliche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Kosmologie des Zufalls und welche ethischen Schlussfolgerungen muss man ziehen, wenn der Zufall ja ohne jede Wertung bestimmt, was ist oder sein könnte.

Schauen wir uns erst einmal den Begriff Zufall genauer an:

Vom Zufall sprechen wir, wenn wir keine vernünftige Erklärung für Ereignisse, die uns ereilen, abgeben können. Wir suchen nach Ursache und Wirkung – und werden nicht fündig. Also kann es nur Zufall sein. (Christa Schyboll)

Laut dem Duden ist der Zufall etwas, was uns zu fällt. Das mittelhochdeutsche 'zuoval' stammt von den Mystikern des 14. Jahrhunderts und wurde im Anschluss an lateinisch accidens, accidentia (Akzidens, Akzidenz) für „äußerlich Hinzukommendes“ gebraucht. Zufälle sind also nicht kausal (nur akausal) zu erklären, nicht vorherbestimmt (indeterminiert) und tragen das Moment des überraschenden, freien, schöpferischen aber auch des zerstörerischen, niederschmetternden oder vernichtenden in sich.

Überraschenderweise ist der Zufall gar nicht so unstrukturiert wie erwartet. Die moderne Chaostheorie und die Spieltheorie haben ergeben, dass auch der Zufall sich im Rahmen bestimmter Gesetzmässigkeiten bewegt. Zufall und Determinismus bedingen sich gegenseitig und eine gewisse Unschärfe gehört zum Wesen der Realität, wie schon die Quantentheorie ergeben hat. Dies kann man mit ein paar Bildern zeigen:

Bild 1: Zufall kann als ein Muster ungeordneter Punkte angesehen werde, wie wir es aus der Natur kennen im Schneegestöber oder auch den Sankörnern am Strand. Die Punkte sind willkürlich verteilt über die Sichtfläche und das Auge sucht vergeblich nach Struktur.Bild 2: Ein einfacher weißer Balken mitten im Bild bringt Struktur und auch Bedeutung ins Bild, die den Zufall einschränken und ihn ordnen.Bild 3: Ein echtes Bild aus dem wirklichen Leben. Punkte ergeben ein Muster, Linien darin ergeben eine Bedeutung. Erkennt ihr was es ist? (Erinnert ihr euch noch an das Bild von der Kuh beim ersten Mal?)Bild 4: Ein Text limitiert den Zufall der schwarzen Punkte im Raum maximal. Aus dem Zufall wird Ordnung. Nur noch im scharfen Blick erkennen wir die willkürliche Verteilung der Punkte in den Buchstaben selbst. Das Chaos wird nun strukturiert durch Information.

Was bedeutet das nun, angewendet auf unser Thema? Der Biologe Jacques Monod (1910-1976) veröffentlichte 1970 sein bekanntes Buch 'Zufall und Notwendigkeit' (Le hasard et la nécessité). Dort räumt der Nobelpreisträger von 1965 mit der Vorstellung einer geordneten Evolution auf und gibt dem Zufall den Vorzug („der reine Zufall, nichts als Zufall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren Gebäudes der Evolution“). Der überzeugte Marxist und Materialist sieht deshalb keine Notwendigkeit einer Vitalkraft oder eines letzten Ziels (hier richtet er sich gegen Vitalisten wie Bergson oder Teilhard de Chardin), allerdings hält er den meterialistischen Realismus für reines Wunschdenken (Animismus). Denn die Evolution ist nicht nur vom Zufall bestimmt, sondern dieser ist begrenzt von den Parametern der Selektion und Replikation. In dieser Spanne befolgt der Zufall seine Spielregeln und bewegt sich zwischen Sinn und Freiheit zugleich.

Das große Spiel des Seins verdeutlich uns auch die moderne Quantenphysik. Welle und Teilchen sind dabei die zwei Seiten des selben Phänomens: Ein Elektron lässt sich in seiner Masse bestimmen, aber nicht lokalisieren. Versuche ich es festzualten, ist es wieder weg. Die Bahn eines Elektrons um den Atomkern lässt sich zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit beschreiben, doch wo gerade sich das Teilchen aufhält, kann nur mit Unsicherheit beantwortet werden. Diese sogenannte Unschärferalation wurde 1927 von Werner Heisenberg im Rahmen der Quantenmechanik formuliert und beschreibt das neue Weltbild unserer Zeit: über die Wirklichkeit kann ich nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeit Aussagen machen. Die Wirklichkeit als feste Größe im materialistischen Sinn gibt es nicht. Albert Einstein, der große Physiker des 20. Jahrhunderts, wehrte sich lange gegen die neuen Parameter der Quantenphysik (für die er selbst 1921 den Nobelpreis erhalten hatte über den photoelektrischen Effekt). In dem berühmten Satz von ihm „Gott würfelt nicht!“ wehrt er sich gegen eine Welt die nur noch dem Zufall überlassen scheint und die Gesetze der Natur nicht mehr gelten. Einstein sollte jedoch unrecht behalten. Die Welt ist ein großes Spiel zwischen Determinismus und Freiheit, zwischen Zufall und Notwendigkeit, zwischen Gott und Materialismus und zwischen Gesetz und Beliebigkeit. Letztlich ist es der Zufall, der dieser Welt vor der absoluten Berechenbarkeit des Vorherbestimmbaren (Determinismus) bewahrt und uns die Freiheit die Freiheit des Möglichen schenkt.

„Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.“ (Einstein in einem Brief 1926 an Max Born)

Material

Fragen

  1. Was genau ist der Zufall? Versuche es mit einer Definition.
  2. Was unterscheidet Freiheit und Determinismus im Zufall?
  3. Warum folgt der Zufall doch bestimmten Regeln?
  4. Wie bestimmte Jacques Monod das Wechselspiel zwischen Zufall und Notwendigkeit?

Aufgaben

  1. Kann man durch genaue Berechnung der Naturgesetze die Zukunft voraus sagen?
  2. Bitte lest den Text Laplacescher Dämon: Wie argumentiert der Physiker Laplace?
  3. Was versteht man unter 'Deterministisches Chaos'? Warum haben kleine Fehler große Wirkung?

Heute gibt es keine Lösungsseite. Bitte beantwortet die Frage für euch selbst.

Zum Weiterdenken