Bevor wir zur Frage kommen, wie es überhaupt zum Konflikt zwischen der Kirche und der neu entstehenden Naturwissenschaft um das Weltbild im 16. Jahrhundert kommen konnte, wollen wir uns heute noch einmal die biblischen Schöpfungsaussagen anschauen.
Wie schon bei Schöpfungsbericht Teil 1 festgestellt wurde, beschreibt die Bibel auch in seiner jüngeren Vorstellung das altorientalische Weltbild (Erde als Scheibe, Himmel als Firmament, ein geschützter Lebensraum im Chaoselement Wasser). Im Gegensatz zu allen anderen Völkern des alten Orients, sieht der biblische Schöpfungsbericht die Welt selbst nicht als etwas göttliches oder als den Lebensraum der Götter an.
Vielmehr ist die Schöpfung aus dem Schöpferwillen des transzendenten* Gottes entstanden, die nach einer strukturierten und gewollten Ordnung aufgebaut ist. Die Schöpfung selbst weist also auf den Schöpfer hin, wie das Kunstwerk auf seinen Meister. Wir können nur darüber staunen und Gott für seine Taten loben. Für viele biblische Stellen ist die Schöpfung selbst Beweis genug für seine schöpferische Kraft, die auch in anderen Lebenssituationen alles andere übersteigt. Dass unsere Welt von Gott gut gemacht hat und alles in der Welt seine Ordnung hat, ist nach der Bibel nicht zu bestreiten:
*Transzendenz = das was unsere Wirklichkeit übersteigt
Anders als das altorientalische Weltbild erklärt das geozentrische Weltbild den Kosmos als ein kompliziertes System ineinander geschachtelter Sphären, in dessen Zentrum die Erde steht. Sonne, Mond und Sterne, die verschiedenen Planeten und auch entfernte Welten sind so in festen Bahnen um die Erde angeordnet und drehen sich in großen, kristallenen Sphären um die Erde als ihren Mittelpunkt. Diese Vorstellung erklärt präzise die verschiedenen Umlaufzeiten der Sonne, des Mondes und der Planeten und des Fixsternhimmels um die Erde. Was dadurch jedoch nicht erklärt werden konnte sind die seltsamen Laufbahnen der Planeten, die von der Erde aus gesehen nicht linear in einer Bahn um die Erde ziehen, sondern merkwürdige Schleifen zeigen, die nicht durch Sphären erklärbar sind.
Zurückgehend auf Aristoteles wurde dennoch der Versuch unternommen die Bewegungen exakt zu berechnen und zu erklären. Der griechische Mathematiker Claudius Ptolemäus (ca. 100–160 n. Chr.) schließt diesen Prozess brilliant ab und erklärt die Schleifen durch eigene Drehungen der Planeten in Kreisen innerhalb ihrer Bahn (Eipzykel). Diese Erklärung war so präzise, dass fast 1500 Jahre niemand mehr wagte, diese in Frage zu stellen.
Ich empfehle euch zu diesem Thema Artikel, die dies anschaulich erklären:
In der Kirche des Mittelaters galten neben der Bibel und den Kirchenvätern auch die großen antiken Philosophen als unantastbare Zeugen der Tradition. Besonders verehrt wurden neben Platon besonders auch Aristoteles. Man sah in ihnen keinen direkten Widerspruch zur biblischen Tradition. Im Gegenteil, man war der Meinung, dass die Bibel ihre Auffassungen bestätigte und umgekehrt die griechischen Denker, obwohl heidnisch, in vielem die Auffassungen des Christentums vorwegnahmen.
Was das geozentrische Weltbild betrifft, sah man dieses ganz selbstverständlich durch biblische Stellen belegt (siehe Bibelstellen unten). Da Bildung im Mittelater hauptsächlich in Klöstern und Domschulen gepflegt wurde und es noch keine unabhängige Universitäten gab, war kirchliche Autorität und universelle Bildung untrennbar miteinander verbunden. Selbst die Reformatoren sahen in der biblischen Tradition und der wissenschaftlichen Tradition noch keinen Widerspruch und verwarfen Keplers neues Weltbild als Unsinn (vgl. nächste Stunde).
Klassiche Bibelstellen, die früher als Beweis für das alte Weltbild genannt wurden
Zum Nachlesen und vertiefen: